Experimentelle Lesung des Pariser Klimavertrags im Museum Lüneburg

Lüneburg, Museum
April, 1st 2017

Am 1.April haben sich etwa 40 Bürgerinnen und Bürger der Stadt im Foyer des Museums Lüneburg versammelt, um gemeinsam den Pariser Klimavertrag zu lesen. Die öffentliche Veranstaltung wurde im Rahmen unseres von der Volkswagen Stiftung geförderten Forschungsprojekts organisiert, das sich mit Paradigmen von Nachhaltigkeit im Spannungsfeld von Kontroll- und Komplexitätsvorstellungen befasst und am Center for Global Sustainability and Cultural Transformation an der Leuphana Universität angesiedelt ist. Eine zentrale Frage des Projekts ist, wie über akademische und disziplinäre Herangehensweisen hinaus transformative Erkenntnis- und Lernprozesse angestoßen werden können.

Das Paris Agreement, das im Kontext der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen im Herbst 2015 ausgehandelt wurde, ist ein bedeutendes Dokument für zukünftige Bemühungen, den anthropogenen Klimawandel zu begrenzen. Tausende Delegierte, Unterhändler und Minister hatten sich unter der Beteiligung ebenso vieler Wissenschaftler, NGO-Vertreter und Übersetzer und unter der Beobachtung der Weltöffentlichkeit nach unzähligen Vorbereitungstreffen, politischen Verhandlungen und wissenschaftlichen Einschätzungen auf ein komplexes Dokument geeinigt, das weltweit als großer Erfolg gefeiert wurde und das unerwartet ambitioniert daherkam. Mittlerweile ist es in Kraft getreten, da – so das Minimalkriterium – 55 Parteien, also Staaten, oder so viele Parteien, die zusammen für 55% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, den Vertrag unterzeichnet haben. Doch was steht drin? Welche politischen Strategien, technologischen Instrumente und gesellschaftlichen Visionen sollen dazu beitragen, die Erderwärmung auf unter 2°C zu begrenzen? Welche Welten macht der Text vorstellbar? Zu wem spricht der Weltklimavertrag?

In einer ersten Annäherung an diese Fragen haben sich die Beteiligten der experimentellen Lesung im Museum Lüneburg zunächst gewissermaßen ästhetisch dem Klimavertrag ausgesetzt. Reihum sind die Leserinnen und Leser an ein Pult getreten, um einen der 29 Artikel zu verlesen. Das Dokument lag in allen offiziellen Versionen aus, in den sechs UN-Sprachen Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch – neben der spanischen und englischen Version wurde aber vor allem die offizielle deutsche Übersetzung des Bundesumweltministeriums verwendet. Ein Leser brachte die offizielle italienische Übersetzung mit. Neben der Vielstimmigkeit und Vielsprachigkeit wurde der jeweilige Textauszug von einigen Leserinnen und Lesern auch spontan kommentiert oder befragt. Ein Leser las beispielsweise jedes Komma mit, um damit die komplizierten Abhängigkeiten innerhalb des Textes zum Ausdruck zu bringen. Andere Leserinnen und Leser brachten ihr Befremden angesichts der grotesk anmutenden Fachsprache zum Ausdruck und stolperten absichtlich über diplomatische und technokratische Begriffsungetüme wie „Ambitionsniveaus“ oder „global stocktake“. Ein interessanter Effekt der Performance war, das einige sich durch das Lesen des Übereinkommens die Sache des Klimavertrags hörbar zu eigen machten und durch die Lesung selbst zu klimapolitischen Akteuren zu werden schienen oder aber auch auf eigener klimapolitischer Arbeit aufbauen konnten. Da die etwa 90-minütige Lesung über Lautsprecher übertragen wurde, konnte sich das Publikum frei in den Räumlichkeiten bewegen, Kaffee trinken oder Exponate anschauen. Einige Leserinnen und Leser hatten auch ihre Kinder mitgebracht. Parallel zur Lesung wurden Karikaturen projiziert, die im Kontext der Pariser Verhandlungen in internationalen Zeitungen erschienen waren, sowie Photographien von der Klimakonferenz und den Ratifizierungen des Übereinkommens. Im Anschluss an die Lesung moderierte die Potsdamer Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider eine Diskussion mit den Beteiligten und dem Publikum. Eindrücke wurden ausgetauscht, die Sprache kritisiert, und die komplizierten Interaktionen und Ebenen der Rezeption, die das Dokument beschreibt, analysiert. In der Diskussion hat sich schnell herausgestellt, dass für Bürgerinnen und Bürger aus Lüneburg Klimawandel zwar ein abstraktes Phänomen darstellt, welches jedoch durch die Medien als vage, zukünftige Bedrohung konstituiert wird. Das führt zu einer teils unbewussten Suche nach Erklärungen, Theorien und vermeintlichen Lösungen bei gleichzeitigem Fehlen einer Bewertungsgrundlage.

„Das war heute ein Experiment mit vollkommen offenem Ausgang“, schließen Esther Meyer und Isabell Schrickel, die als Doktorandinnen in CCP arbeiten und die Performance organisiert haben. „Klimawandel und internationale Klimadiplomatie sind wichtige Themen, die aber schwer zu begreifen sind. Es fehlen Maßstäbe, Evidenzen und gute Narrative. Stattdessen erleben wir gerade heute, dass das Thema nicht zuletzt durch den Aufstieg rechter politischer Bewegungen stark unter Druck gerät und instrumentalisiert wird. Deshalb haben wir nach Wegen gesucht, uns mit ganz konkreten Objekten statt mit diffusen Meinungen zu befassen und Bürgerinnen und Bürger mit den tatsächlichen Prozessen – auch kritisch – in Berührung zu bringen. Wir sehen, dass ein Bedarf an öffentlich zugänglichen Plattformen zur Reflexion, Orientierung und Auseinandersetzung mit dem Klimawandel besteht, auch an experimentellen Formaten. Denn auch ein guter Journalismus kann hier an seine Grenzen kommen.“

 

 

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