Zeitdimensionen der Nachhaltigkeit

26. und 27. Februar 2019

Be­reits 1989 hat Hel­ga No­wot­ny kon­sta­tiert, dass die „Um­welt­schlei­fen mensch­li­chen Han­delns zu Zeit­schlei­fen wer­den, die auf die Ge­gen­wart zurück­wir­ken“. Das war am Ende des Kal­ten Krie­ges bzw. an der Schwel­le ei­ner Auflösung der Drei­tei­lung des Glo­bus in eine Ers­te, Zwei­te und Drit­te Welt. In die­sen Übergängen for­miert sich auch die Idee der „nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung“, mar­kiert durch den Brundt­land-Be­richt Un­se­re ge­mein­sa­me Zu­kunft (1987). In­zwi­schen wer­den Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft un­ter dem Be­griff An­thro­pozän ins Verhält­nis ge­setzt und be­kom­men in­fol­ge des Nar­ra­tivs der gre­at ac­ce­le­ra­ti­on ei­nen his­to­ri­schen In­dex, der von der nor­ma­ti­ven Aus­rich­tung an Kli­ma- oder Ent­wick­lungs­zie­len ge­setzt wird.
Im Lich­te der Er­kennt­nis­se des In­ter­na­tio­nal Geo­s­phe­re Bio­s­phe­re Pro­gram­me und des In­ter­go­vern­men­tal Pa­nel on Cli­ma­te Chan­ge ha­ben in­zwi­schen vor al­lem Na­tur­wis­sen­schaft­ler ein neu­es Ge­schichts­bild for­mu­liert, das die Ge­gen­wart in eine sol­che Zeit­schlei­fe ein­wi­ckelt. Da­nach ist die Ge­gen­wart die Fol­ge von geo­lo­gisch oder at­mo­sphärisch se­di­men­tier­ten Hand­lun­gen, die wie­der­um mit­tels Com­pu­ter­si­mu­la­tio­nen in die Zu­kunft fort­ge­schrie­ben wer­den, um auf die­se Wei­se in der Ge­gen­wart zu Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zu führen und da­mit die Zeit­schlei­fe zu schließen. Pla­ne­ta­ry boun­da­ries, li­mi­tier­te car­ry­ing ca­pa­ci­ties und erschöpfte car­bon bud­gets pro­gnos­ti­zie­ren eine kul­tu­rell be­reits vielfältig an­ti­zi­pier­te End­lich­keit, die im ra­di­ka­len Wi­der­spruch zur einst un­ab­seh­bar of­fe­nen Zu­kunft der Mo­der­ne steht und an Mo­ti­ve aus der Apo­ka­lyp­tik er­in­nern. An­de­rer­seits mo­bi­li­sie­ren Nach­hal­tig­keits­dis­kur­se ge­genwärtig auch uto­pi­sche Po­ten­zia­le ei­ner ganz an­de­ren Zu­kunft, die teil­wei­se auch auf älte­re Zu­kunfts­bezüge und –mo­del­lie­run­gen re­kur­rie­ren. Vielfälti­ge Ak­teu­re auf dem Feld ver­su­chen le­ver­age points zu iden­ti­fi­zie­ren, die tief­grei­fen­de Sys­tem­verände­run­gen trig­gern sol­len. Nach­hal­tig­keits­dis­kur­se eröff­nen in­so­fern neue Fra­ge­fel­der, die die Zeit­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie in be­son­de­rer Wei­se her­aus­for­dern. Die An­nah­me die­ser Her­aus­for­de­rung kann zu Er­kennt­nis­ka­te­go­ri­en führen, die Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft in neu­er Wei­se mit­ein­an­der in Be­zie­hung set­zen und Zukünfte be­den­ken können, die so­wohl er­wart­bar er­schei­nen als auch an­ders sein sol­len.
In die­sem Sin­ne un­ter­sucht der Work­shop Zeit­re­gime, Zu­kunfts­bezüge und die Be­deu­tung von Ge­schich­te über­haupt im Kon­text der Nach­hal­tig­keits­dis­kur­se der letz­ten Jahr­zehn­te und fragt, in­wie­fern an die­sen Denk­for­men und Prak­ti­ken eine Ver­schie­bung der „Zeit­lich­keit der Ge­schich­te” (Rein­hart Ko­sel­leck), neue Zeit­lich­kei­ten bzw. eine Epis­te­mo­lo­gie der His­to­ri­zität be­ob­ach­tet wer­den kann. Uns in­ter­es­siert die epis­te­mo­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rung und kom­ple­xe Re­kon­fi­gu­ra­ti­on von Zeit­lich­keit in der Ge­gen­wart als Auf­ga­be des theo­re­ti­schen und me­tho­di­schen Um­gangs mit Ge­schich­te in den Ge­schichts­wis­sen­schaf­ten. Zu­gleich se­hen wir in die­ser epis­te­mo­lo­gi­schen Her­aus­for­de­rung ein Grund­la­gen­pro­blem der Nach­hal­tig­keits­wis­sen­schaf­ten auf­grund ih­rer re­fle­xi­ven Nor­ma­ti­vität und der in sie ein­ge­las­se­nen prag­ma­ti­schen Zu­kunfts­bezüge.
Der Work­shop in Lübeck geht die­sen Fra­gen im For­mat ei­ner in­ter­dis­zi­plinären Round­ta­ble-Dis­kus­si­on nach.

PROGRAMM

Round­ta­ble Dis­kus­si­on mit Chris­ti­an Ge­u­len, Rüdi­ger Graf, An­dre­as Fol­kers, Ste­fan Ay­kut, Man­fred Lau­bich­ler, Mar­ti­na Heßler, Frank Uekötter, Bal­das­sa­re Sco­la­ri, Wer­ner Krauß, Sa­bi­ne Hof­meis­ter, Oli­ver Leis­tert, Ste­fan Wil­ler, Da­ni­el Lang, Lisa Cronjäger, Es­ther Mey­er, Ma­ria de Eguia Hu­er­ta.

Or­ga­ni­siert von Cor­ne­li­us Borck, Chris­toph Reh­mann-Sut­ter, Chris­ti­na Schües (In­sti­tut für Me­di­zin­ge­schich­te und Wis­sen­schafts­for­schung IMGWF, Uni­ver­sität zu Lübeck), Gre­gor Schmieg und Isa­bell Schri­ckel (Cen­ter for Glo­bal Sustaina­bi­li­ty and Cul­tu­ral Trans­for­ma­ti­on, Leu­pha­na Uni­ver­sität Lüne­burg).

Die Ver­an­stal­tung be­ginnt am 26.2.2019 um 14 Uhr und en­det am 27.2. um 14 Uhr.

Der Work­shop ist öffent­lich. Aus Platz­gründen wird um An­mel­dung ge­be­ten (schri­ckel@leu­pha­na.de).